Es geht ja doch!

Ein viel zu langer Text mit einer überraschenden Erkenntnis am Ende 🙂

Es ist Ende August, für uns der Saisonhöhepunkt. Stramme Wochenenden mit gerne mal zwei Hochzeiten hintereinander. Am gestrigen Samstag in Bad Iburg/Glane. Niedliches Städtchen im Teutoburger Wald unweit Osnabrücks. Sie sind Bad und haben eine Burg, insofern schon einmal kein Etikettenschwindel. Wir kamen in den Saal und ich sage noch zu Britta: „Wenn Sie die Kunstdrucke von den Wänden nehmen (die sind aus der fragwürdigeren Ecke der Nineties) ist der gar nicht schlecht. Dabei mag ich ja alte Traditionsgasthäuser, auch wenn dieses von außen mit seiner typischen Verklinkerungssünde, nach Achtzigern aussieht. So weit, so üblich. Die Menükarten waren ansprechend gemacht ohne Gepuffel und zuviel Chichi. Aber die Texte… : Rinderkraftbrühe „Royal“, Hähnchenbrustfilet „Florida“ … Schweinemedaillons „Robert“! Ganz ehrlich, ich rechnete mit dem Schlimmsten! Es klang ein bisschen nach einer Satire über deutsche Küche und Leute: Hähnchen „Florida“ und Schweinemedaillons „Robert“, in meiner Phantasie riecht dass nach Herrensandale und Toast Hawaii. Als Wein einen Weißburgunder halbtrocken, na super, dachte ich, und wünschte mich nach gegenüber in den Glaner Grill. Dann wurde das Buffett mit dankenswert knappen Worten vom Bräutigam eröffnet.

Da lagen kleine Nester aus Kopfsalat mit Kochschinken und irgendeiner, schwer aussehenden Creme dazwischen, Pumpernickel, Melonenschiffchen mit Spießchen drin, eingelegte Pomodori , Käsesalat, gefüllte Pepperoni, Forelle, kurz, ein schamloser Streifzug durch Vorspeiseneuropa. Zu dem Zeitpunkt saß ich in der Eisdiele nebenan und trank einen fiesen Cappucino nicht. Da ruft Britta an und sagt: „Du musst unbedingt wieder reinkommen!“ Todesverachtend schritt ich an die kalten Platten und – krieche jetzt auf den Kniescheiben nach Canossa.
Freunde, was so abgründig klang, war einfach unglaublich! Die Forelle schmeckte frisch und locker, die Nester waren der Hammer, die Salate auf den Punkt angemacht, selbst das Weißbrot war besser als bei den meisten Franzosen. Wir starrten uns fassungslos und mit offenen Mündern an. „Los holen wir noch was, wer weiß wie der Rest ist!“ Fehler! Der Rest war exzellent! Der Rinderschmorbraten: NICHT trocken und faserig. Das Hähnchenbrustfilet mit Mangocreme: Ein Traum von zartem Fleisch und milder Frucht. Es gab gegrillte Zucchinitaler, knusprige Potato-Wedges, saftige Speckböhnchen… Davon übermütig geworden probierte ich den Weißwein (ich trinke eigentlich nix wenn wir arbeiten) und fiel fast vom Stuhl. Ein halbtrockener Weißburgunder mit der komplexen Charakterstärke eines sanften Rieslings! Gut, der Rote Sizilianer (jetzt wollten wir es wissen) war uns ein wenig sprittig, aber das Dessertbuffet haute diese Scharte locker wieder raus.

Wir haben überlegt, wie man diese Cuisine einordnen könnte – irgendwo zwischen Semimediterranee und Niedersachsen reloaded? Total egal! Es war eigenständig, kreativ ohne Gedöns, Rohstoffe vom Allerbesten, unprätentiös und doch spannend, schlicht aber grandios – so darf ein Hochzeitsessen in Deutschland sein: Ein bisschen Tradition, ein bisschen ausprobieren und ein bisschen Europa – von allem das, was man versteht und beherrscht. Dazu ein goldenes Händchen für Material, ein superprofessionelles, reizendes Team und geölte Abläufe. Am Rande sei en erwähnt: Ein geschmackvoller Garten, Supertoiletten und ausreichend Besteck am Platz. So macht man das! Wie ich das Paar einschätze (kühle Rechner) hat das noch nicht einmal Hamburger Preise gekostet! Vergesst die Klinker. Überseht die Kunstdrucke. Verdrängt die Parkplatzmisere im engen Dorfkern.

Wenn ihr richtig geiles, ehrliches, Essen mit 1a Service auf Eurer Feier wollt: Bad Iburg/Glane, Gasthaus Tovar (www.gasthaus-tovar.de). So ehrlich wie der Name der Stadt. Das Inhaber-Ehepaar heißt Koch, sie ist auch die Zauberköchin und er der Chefbutler des englischen Königshauses. Man fühlt sich geehrt wenn er einem kerzengerade und elegant den Wein kredenzt! Gute Zeit gehabt, tolles Brautpaar und Teile der Freiwilligen Feuerwehr aus der Gegend, nach 40stündigem Hochwassereinsatz, mit riesiger Laune. Da rockt die Provinz – geht doch!

LS

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